Das Konzept

Wollen Menschen mit "ihren" Pferden arbeiten, sind ihnen ihre Bedürfnisse meist schnell klar. Doch, welche Bedürfnisse haben eigentlich Pferde?
Diese Pferdebedürfnisse mit den Bedürfnissen von uns Menschen harmonisch in Einklang zu bringen, ist das Ziel des Lower Mill Horsemanship.

Bedürfnisse

Als ich vor vielen Jahen meine Faszination für Pferde entdeckte und mich immer mehr mit ihnen und ihren „Pferde-Menschen“ beschäftigte, hörte ich nicht selten von teilweise drastischen Problemen. Entweder wurde mir von gesundheitlichen Leiden berichtet oder von Unfällen und gefährlichen Situationen, bei denen Pferde oder Menschen zu Schaden kamen. Das passte so gar nicht in mein Zielbild, in dem ich mich vor meinem inneren Auge harmonisch, mit dem Pferd verbunden und in optimaler Selbsthaltung durch die Landschaft galoppieren sah. Es drängte sich mir die Frage auf: Kann ich dieses Zielbild zusammen mit meinen Pferden sicher erreichen und dabei gesundheitliche Probleme vermeiden? Es musste möglich sein, denn es gab etliche Personen, die anscheinend ein solches oder ein ähnliches Ziel bereits erreicht hatten - mit gesunden und glücklichen Pferden.

Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, intensivierte ich meine Recherchen und studierte alles, was mir sozusagen unter die Finger kam. Ich führte Gespräche, schaute TV-Sendungen, surfte durchs Internet, laß Bücher und Zeitschriften, nahm Unterricht und besuchte Kurse. Dabei passierte mir, was vielen Menschen passiert, wenn sie sich intensiv mit einem Thema beschäftigen: Zum einen wurde mein Zielbild (Bedürfnis) immer konkreter, zum anderen tauchten neue Fragen auf. Ich träumte mittlerweile nicht nur vom Galoppieren durch die Landschaft, sondern auch von Dressurlektionen und davon, das dafür notwendige Wissen weitergeben zu können. Doch, welche Bedürfnisse haben eigentlich Pferde und konnte ich diese mit meinen Bedürfnissen in Einklang bringen?

Um das herauszufinden, beobachtete ich unsere Pferde bei jeder Gelegenheit, die sich mir bot. Glücklicherweise waren die Pferde zu diesem Zeitpunkt bereits in einer guten Ausgangsposition, denn sie lebten seit kurzem bei uns im Offenstall in einer Herde und hatten ausreichend Platz und Nahrung. Auf der Weide, bei der täglichen Stallarbeit, abends, im Urlaub und am Wochenende offenbarten sich uns etliche Erkenntnisse über die Pferdebedürfnisse.

Es zeigte sich beispielsweise, dass Pferde flüchten, wenn ein gefährlicher Reiz auftaucht, zumindest, wenn sie dazu physisch in der Lage und somit gesund sind. Besonders zu Beginn, als mich unsere Pferde noch nicht so gut kannten und ich noch unerfahren im Umgang mit ihnen war, wurde das deutlich. Einmal viel mir die Schubkarre um und es polterte heftig. Die Pferde stürmten davon, trotz frischem Müsli und Heu. Das gleiche passierte manchmal auch, wenn das Martinshorn der nahegelegenen Feuerwehr ertönte – die Pferde flüchteten. Bei etlichen weiteren Beispielen zeigte sich, Sicherheit ist ein Pferdebedürfnis und es ist wichtiger als die Nahrungsaufnahme.

Bei meinen Beobachtungen stellte ich außerdem fest, dass unsere Pferde bestimmte Situationen anderen Situationen bevorzugten. In der Nähe unserer Weide beispielsweise, die am Offenstall angeschlossen liegt, gibt es einen schattigen Bereich am Waldesrand mit vielen Büschen und Bäumen, aus dem oft unheimliche Geräusche kommen, vom Wind oder von nicht sichtbaren Tieren. Diesen Bereich mieden unsere Pferde früher, bevorzugten im Gegenzug allerdings komfortable Orte wie einen angenehm sonnigen Bereich am Rande des Offenstalls, Orte mit Über- und Weitblick, einige witterungsgeschützte Bereiche und natürlich die Fressplätze und den Liegebereich. Den schattigen Bereich grasten sie immer zuletzt ab und es dauerte, bis sie sich daran gewöhnt hatten. Viele weitere Beispiele zeigten: Komfort ist ebenfalls ein Pferdebedürfnis, das irgendwo zwischen der Sicherheit und der Nahrungsaufnahme einzusortieren ist.

Im Laufe der Zeit fühlten sich unsere Pferde immer sicherer und komfortabler, umfallende Schubkarren oder das Ertönen des Martinshorns führten immer weniger zu panischen Reaktionen. Das gemeinsame Spielen, sich bewegen, toben, die Fellpflege oder sich im sicheren Umfeld der Leitstute aufhalten, rückte in den Vordergrund. Zumindest, wenn alle satt waren. Das zeigte mir nicht nur, dass Pferde komfortable Situationen bevorzugen, sondern auch, dass ehemals unbequeme Situationen komfortabel werden können.

Aus diesen Beobachtungen und Erfahrungen heraus ergeben sich aus meiner Sicht die folgenden Pferdebedürfnisse in der folgenden Reihenfolge: Gesundheit, Sicherheit, Komfort, Nahrungsaufnahme, Beziehung und Bewegung.

Diese Pferdebedürfnisse in Einklang zu bringen mit den Bedürfnissen von uns Menschen, die gerne mit ihren Pferden arbeiten, mit ihnen Zeit verbringen und sie ausbilden möchten, ist mein Ziel und somit das Ziel des Lower Mill Horsemanship. Aus diesem Grunde fließen die Pferdebedürfnisse und die Berücksichtigung von deren Reihenfolge entscheidend in die vier Säulen des Lower Mill Horsemanship mit ein. Diese vier Säulen müssen allgegenwertig sein, immer, wenn wir mit unseren Pferden zusammen sind und wir Verantwortung für sie übernehmen.

Die vier Säulen des Lower Mill Horsemanship

Kommunikation

Wir bauen zusammen mit dem Pferd ein Kommunikationssystem auf, das sich an der natürlichen Sprache von Pferden untereinander orientiert und ihr Sozialverhalten und ihre Bedürfnisse berücksichtigt.

Sicherheit & Komfort

Unfälle und Verletzungen müssen unbedingt und bestmöglich vermieden werden, damit alle Beteiligten gesund bleiben und viel Freude an der gemeinsamen Zeit haben. Außerdem sollte uns darüberhinaus bewusst sein, dass einem Pferd das Komfortgefühl sehr wichtig ist.

Verbundenheit

Im Lower Mill Horsemanship streben wir die Verbundenheit zwischen Mensch und Pferd an und arbeiten damit auf ein Grundbedürfnis beider hin.

Selbsthaltung

Über die mentale Ausbildung hinaus tun wir alles dafür, Pferde physisch so auszubilden, damit wir sie bis ins hohe Alter gesund erhalten und reiten können.